Der Debütroman des Stuttgarter Autors, Kreativdirektors und Regisseurs, Kai Thomas Geiger autoreverse spielt in Stuttgart und erzählt eine Geschichte vom Heranwachsen.

Eigentlich bist du Kreativdirektor, Regisseur, Drehbuchautor, Musiker und Blogger. Warum nun auch noch ein Buch?

Der Roman ist für mich die logische Konsequenz von Kreativität, die sich immer wieder neue Ausdrucksformen sucht. Songs zu schreiben und sie mit Bands aufzunehmen, wie ich es Anfang der 90er Jahre gemacht habe, war natürlich ein ganz anderer Prozess als z.B. das Drehbuch zum Spielfilm “Dead Fish” zu entwickeln, das dann mit Oscar-Preisträger Gary Oldman und vielen anderen wunderbaren Schauspielern verfilmt wurde. Auch bloggen und Werbung haben vielleicht erst mal nicht viel miteinander zu tun. Und trotzdem ist allen Disziplinen gemeinsam, dass sie Geschichten erzählen. Nur ihre Entstehung ist jedes mal anders.

Beim Roman hat es mich gereizt, herauszufinden, was passiert, wenn ich keine Band um mich herum habe, die eine Idee instrumentiert. Keinen Kunden, der die Inhalte vorgibt. Und keine Schauspieler, die eine Szene durch ihr Spiel lebendig werden lassen. Was passiert, wenn man sich einfach nur alleine hinsetzt und schreibt?

Inhaltlich geht es um Jugendliche, die gemeinsam aufwachsen. Die stehen auf Rock n Roll, nicht nur als Musikrichtung sondern Lebensstil. Gibst du uns einen Überblick über deinen ersten Roman.

autoreverse handelt von einem Aufwachsen, wie wir es alle kennen. Der Schlammassel zwischen 12 und 18. Wenn man sich kopfüber aus dem Nest zuhause stürzt, um herauszufinden, wo man sonst noch hingehören könnte. Welche Musik man mögen darf. Welche Zigarettenmarke die coolste ist, welches Moped das einzig richtige. Und was passiert, wenn plötzlich das andere Geschlecht nicht mehr nur “die doofen Mädchen” sind.

Das alles vor der Kulisse Stuttgarts, beschallt mit einem Soundtrack von AC/DC, Queen und Motörhead und angesiedelt in den tiefen 80er Jahren. So gesehen ist autoreverse fast schon ein Historienroman.

autoreverse ist der Titel deines Debütromans. Wie kamst du darauf?

Der Titel flog mir praktisch zu und wollte unbedingt auf’s Buchcover. Das Buch spielt ja in einer Zeit, in der die Tonträger noch A- und B-Seiten hatten: LPs, Kassetten. In einer Zeit vor mp3, Spotify und iTunes. Die autoreverse-Funktion war ein ausgefuchstes, technisches Highlight von Tapedecks und Autoradios, um nach A- automatisch die B-Seite abzuspielen, nach der B- wieder die A-Seite. Am Ende der Cassette ging also alles wieder von vorne los. Dieses Leitmotiv von Geschichten und Situationen, die sich im Leben wiederholen, prägt auch die Story von autoreverse.

Ist es ein Stuttgart-Roman, ein Rock n Roll Roman oder ein 80er Jahre Roman?

Es ist ein Rock n Roll Roman im Stuttgart der 80er Jahre. Aber es wird weder schwäbisch gesprochen, noch versucht er, sich dem abgeblätterten Charme einer dieser 80er Jahre Parties zu bedienen. Ich glaube, man kann die lustige, aber auch durchaus sentimentale Geschichte auch ganz gut lesen, ohne die Schauplätze zu kennen oder jedes Lied darin mitsingen zu können. Es geht um ein Lebensgefühl – und das war in Nürnberg nicht arg viel anders als in Stuttgart.

Gibt es in autoreverse autobiografische Züge?

Nein. Authentisch ja, autobiographisch nein. Wenn man eine Geschichte aus einer Zeit und einem Raum erzählt, in denen man selber aufgewachsen ist, kann man das eigene Erlebte und Erfahrene wahrscheinlich gar nicht komplett ausblenden wie eine ungewünschte Tonspur. Das klingt und schwingt immer mit. Rock war damals unsere Musik, 80 ccm Mopeds waren unsere Fortbewegungsmittel und viele Orte, die im Roman vorkommen, waren unsere Spielplätze.

Worin liegt die Herausforderung für den Leser?

Ich würde mir wünschen, dass Menschen sich und ihr eigenes Aufwachsen darin wiederfinden, ganz unabhängig von ihrer einstigen Lieblingsband oder ihrem Heimatort. Denn es geht in autoreserve nicht um einen zynischen Blick aus dem Jahr 2013 auf die ach-so-skurrilen 80er Jahre. Es geht um Themen wie Freundschaft, Loyalität, Sinn- und Orientierungssuche. Und die sind generationsübergreifend.

Es gibt einen Bruch zwischen der A- und B-Seite, dem ersten und dem zweiten Teil des Buches. War das beabsichtigt oder ist es einfach geschehen?

Diese Platte hat mehr oder weniger die Muse umgedreht. Es passierte einfach so. Am Ende des ersten Schreibdurchgangs habe ich gemerkt, dass der zweite Teil in einer anderen Tonart spielt als der erste. So wie man auf der A-Seite vielleicht eher die Single-Auskoppelungen findet, die radiotauglichen Hits und auf der B-Seite die ambitionierteren Remixes. Ein Bruch, der vielleicht auch charakteristisch für die Zeit zwischen 12 und 18 ist: irgendwann wird’s ernst und nicht mehr ganz so gut behütet, wenn man das Nest verlässt, die Schwingen ausbreitet und die ersten Fallwinde kommen. Interessanterweise findet dieser Bruch im Buch fast genau in der Mitte statt. Das war nicht geplant.

Im Buch zeigst du ein anderes 80er-Jahrzehnt, als es den meisten im Kopf ist. Warum denken wir eher an Blondie als an AC/DC?

Blondie und Nena & Co. waren Modeerscheinungen. Sie kamen, gingen und recyclten sich ein paar Jahrzehnte später nochmals selber. Bands wie AC/DC, Kiss oder Motörhead sehen heute noch so aus wie damals – nur ein bisschen älter. Sie klingen noch genau so. Sie faszinieren auch noch genauso. Rock’n'Roll war und ist kein Zeitgeist-Phänomen wie Blondie, sondern ist bis heute das Grundrauschen einer kleinen Gemeinschaft. Ehrlich und echt. Erst in den späten 80ern, als die Europes und Bon Jovis dieser Welt plötzlich Rock-Balladen komponierten, bis dahin ein Unding, und die Dauerwelle bei Männern salonfähig machten, wurde Rock’n'Roll unfreiwillig komisch.

Die Probleme, Sehnsüchte und Herausforderungen sind doch heute ähnlich wie damals, oder ? Das würde bedeuten, dass das Buch auch Leser anspricht, die nichts mit den 80ern zu tun haben.

Wie der Titel autoreverse schon sagt - am Ende unserer Jugend hat sich die Kassette umgedreht und wieder von vorne begonnen. Menschen aus anderen Generationen haben die gleichen Sorgen und Nöte, nur begleitet von einem anderen Song. Man muss also glaube ich kein Kind unseres Jahrgangs sein, damit einem die Geschichten bekannt vorkommen.

Warum der Stuttgarter Stadtteil Möhringen? Dort spielt ein Großteil Ihres Romans.

Ich bin selber in Stuttgart-Möhringen aufgewachsen und die Erinnerung an viele Schauplätze war beim Schreiben noch sehr lebendig. Und ich wollte einfach keine künstliche Westernstadt-Kulisse im Kopf aufbauen, in der die Geschichte spielt. Allerdings bewegen sich die Protagonisten im Roman langsam und vorsichtig aus Möhringen raus und trauen sich in die Stuttgarter Innenstadt, nach Ludwigsburg, Nürnberg und Frankfurt, weil ihre Lieblingsbands nun mal nicht nach Möhringen kommen – und schließlich sogar auf einen Roadtrip mit den Mopeds nach Südfrankreich.

Was ist als nächstes geplant? Der Film zum Buch?

Ich habe mich beim schreiben immer wieder diszipliniert, damit autoreverse ein Buch-Buch wird und kein Roman, der vielleicht irgendwann verfilmt wird. autoreverse – der Film wird es also eher nicht geben. Aber jetzt ist das Projekt Debutroman abgeschlossen und ich bin offen für was Neues. Vielleicht eine Platte, ein Theaterstück oder auch ein weiteres Buch.

Ab wann ist das Buch erhältlich und in welchem Verlag erscheint es?

autoreverse erscheint Ende März im Theiss-Verlag. Ein ganz toller Verlag, die mich über den gesamten Schreibprozess immer wieder mit genau der richtigen Dosierung Streicheleinheiten, Druck und Verlagskompetenz unterstützt haben. Ohne meinen Verleger Volker Hühn gäbe es autoreverse gar nicht.

Abdruck honorarfrei. Interview als pdf: Interview_KTG_autoreverse

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