Der Blog Rocktimes über das Buch:

Ein Queen-Konzert in der Böblinger Sporthalle sollte das Leben eines zwölfjährigen Präpubertierenden, nennen wir ihn Marc, entscheidend verändern. Wenig später war AC/DCentdeckt und der AC/DC-Fanclub Stuttgart-Möhringen gegründet, der wenige Wochen danach bereits stolze vier Mitglieder zählen sollte – neben Marc waren dies Jones, Basti und Fred. Vier höchst unterschiedliche Freunde, die daraufhin einen tief prägenden Teil ihres Lebenswegs gemeinsam unter die Räder ihrer Leichtkrafträder nehmen sollten. Die erste schwere Lebenskrise stellte der Tod von Bon Scott dar. Das Leben kann so erschütternd trivial sein: Das Idol des Fanclub Stuttgart-Möhringen, an ‘Rockstarkotze’ erstickt… »immerhin seiner eigenen« versucht sich die Trauergemeinde gegenseitig zu trösten. Doch der Plattenspieler dreht sich bekanntlich weiter und der Leser darf an der emotionalen Achterbahnfahrt von Marc und seinen drei ebenfalls heranwachsenden Freunden in “autoreverse” teilhaben, in deren Verlauf die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Marc ist quasi das Alter Ego von Kai Thomas Geiger und der Plot trägt fast autobiografische Züge.Geiger wurde 1966 in Stuttgart geboren, ist (anscheinend) im Stadtteil Möhringen aufgewachsen und hat dort seinen bewusstseinserweiternden Führerschein 1B gemacht.
Geigers musikalischer Werdegang führte ihn durch die Szene lokaler Stuttgarter Rockbands und gipfelte in den Posten als Bassist in Matt Sinners Band. Heute arbeitet er als Texter, Kreativdirektor, Regisseur und mit “autoreverse” gibt er nun ein außerordentlich beachtenswertes Debüt als Romanautor.
Ich muss zugeben, dass ich schon lange nicht mehr so herzhaft bei der Lektüre eines Buches gelacht habe. Und ebenso lange habe ich mich nicht derart intensiv in einem Spiegel betrachet.
Gut, Geiger - alias Marc - ist eine gute Handvoll Jährchen später dran als meine Wenigkeit… Trotzdem finde ich mich in der Gefühls- wie der Gedankenwelt des Protagonisten auf nahezu jeder Seite wieder. Und dem Leser, der heute so um die fünfzig Lenze auf dem Buckel hat, wird es wohl ähnlich gehen:Eltern: »Mit meinen Eltern und Musik ist es ein bisschen wie mit meinen Eltern und Sex: Ich weiß, dass er mal stattgefunden haben muss. Aber ich kann und möchte es mir nicht plastisch vorstellen.«
Konfirmantenunterricht: »Ich mag Musik, so viel habe ich inzwischen herausgefunden. Aber Gott hört die falsche. Ich mag weder tiefe Orgeln noch hohe Stimmen. Und ich mag auch keine Songtexte, in denen die Worte ‘jauchzen’, ‘frohlocken’ oder ‘Hallelujah’ vorkommen!«
Schule: »Auf einem Schulausflug trennen sich Spreu von Weizen. Gut von Böse. Und Jungs von Männern. Das gilt besonders für die Busfahrt. [...] Ganz vorne sitzt die Tupperware: Leinsamenbrot mit Leberwurst. Gemüseschnitze. Gurke, Karotte. Kalter Hagebuttentee. Einser- und Auf-die-Schnauze-krieg-Kandidaten. Mitte bis hinten: Alufolie. Eher Sesam- bis Laugenbrötle als Brot. Nutella und Honig. Ein Apfel oder eine Banane. Gekaufter Zitronentee oder Südmilch-Kakao. Hinten: Erdnuss-Flips oder Chips ungarisch. Dosencola, Dosenfanta, Dosenspezi. Radiorecorder. Und spätestens auf der Rückfahrt: Mädchen.«
Punk: »Wilder als AC/DC, lauter, härter, schneller. Und mit viel mehr FUCK im Text. Punk eben. Dabei ist Punk für mich überhaupt nicht toll. Die Musik klingt einfach nur Scheiße. Und keiner, den ich kenne, will Punker sein.«
Drogen: »Drogen nehmen heißt glaube ich, dass jemand Barclay James Harvest hört, Pink Floydund am allerschlimmsten: Anyone’s Daughter aus Leinfelden-Echterdingen.«
Das Leben: »Das Beste am Leben sind die Outtakes.«
Kai Thomas Geiger unterteilt die Story – ganz wie es sich für Vinyl gehört – in eine A- und eine B-Seite. Erstere beschäftigt sich mit den Lebensfragen eines damals Jugendlichen: Darf eine LP auf MC kopiert werden? Wie komme ich in die Disco? Was ist cooler – Camel oder Marlboro? Letztere ist prallgefüllt mit den harten Anforderungen an einen Heranwachsenden: Alkohol, Stufenfrisur, Mopeds, Mädels. Im abschließenden ‘Soundtrack’ wird die dazugehörige Begleitmusik gelistet, die durchweg so hart wie eine Jugend in Stuttgart-Möhringen ist.
Marc bewegt sich mit seiner 80er im magischen Rockbiotop zwischen dem Jugendhaus Stuttgart-Möhringen, der Tanzschule Dieterle und der Rockfabrik Ludwigsburg. Natürlich trieft der Plot vor Lokalkolorit, könnte aber genauso in jeder x-beliebigen Klein-, Mittel- oder Großstadt ebenso stattgefunden haben. Die Handlung spielt zwischen 1978 und 1984, und wenn man das Alter des Autors berücksichtigt, darf eine stark autobiografische Prägung für die gesamte Handlung angenommen werden.
Einen Grimme-Preis wird Kai Thomas Geiger für “autoreverse” wahrscheinlich nicht einheimsen, obwohl es sein Wortwitz – pures Rock’n'Roll-Sprech – streckenweise verdient hätte. Sicherlich war dies auch nicht des Autors primäre Intention. Den Leser erwartet stattdessen eine flüssig geschriebene, größtenteils amüsante, manchmal urkomische, gelegentlich auch sehr nachdenkliche Zeitreise in ein Jahrzehnt, das – obwohl es erst 25, 30 Jahre zurückliegt – fast schon wie graue Vorzeiten anmutet.
Und am Ende dieser ‘Cassette’ wendet sich das Laufwerk automatisch um (autoreverse) und alles geht wieder von vorne los… Das ideale Rockbuch für die entsprechende Altersgruppe und den anstehenden Urlaub!!
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